Investmentchancen aus Sicht eines Mobility-VCs

(Quelle: www.ngin-mobility.com)

Welche Startups bringen die Branche voran? In welche Technologien lohnt es sich, zu investieren? Unser Autor hat die wichtigsten Bereiche und Akteure zusammengetragen.

Uber, Tesla und Google greifen die etablierten Fahrzeughersteller an. Um eine Zukunft zu haben, müssen sich die sogenannten OEM (Original Equipment Manufacturer) öffnen – und mit konkurrierenden Automobilherstellern, Zulieferern, Technologieunternehmen und Startups kooperieren. Ihr bisheriges Geschäftsmodell aus reiner Fahrzeugentwicklung ist nicht wettbewerbsfähig: OEM müssen sich zu Dienstleistern wandeln. Auf den Innovationsdruck reagieren sie mit neuen Tochtergesellschaften, Joint Ventures, Inkubatoren oder Accelerator-Programmen. Für Startups und VCs ergeben sich da Kooperations- und Investmentmöglichkeiten.

Sales und Leasing-Geschäft
Der klassische OEM verkauft oder verleast den Großteil seiner Neufahrzeuge über die Vertragshändler und seine Niederlassungen. Aktuell sind die OEM noch durch den hohen Wartungsaufwand der Fahrzeuge von den Händlern vor Ort abhängig. Die Händler üben ihre Machtposition so aus, dass sie den reinen Online-Handel direkt über die Website des OEM oder über Drittanbieter wie Amazon verhindern oder mitbestimmen. Die immer besser werdenden digitalen Angebote ermöglichen es hingegen, die Konfiguration der Fahrzeuge mehr und mehr auf den Kunden zu übertragen und den Verkauf durch das Autohaus obsolet zu machen. Schon heute informiert sich die Mehrheit der Neuwagenkäufer im Netz – rund die Hälfte wäre sogar dazu bereit, den Kauf oder das Leasing eines Fahrzeugs online abzuschließen. Sind Marketing-Maßnahmen von OEM aktuell noch hauptsächlich Marken-Kampagnen, werden sich mit dem Einzug weiterer E-Commerce-Angebote auch Cost-per-Sale- und Affiliate-Modelle durchsetzen. Die Kundengewinnung werden dann Online-Player für sich entscheiden, die markenübergreifend über eine besonders gute User-Journey und eine große Auswahl verfügen. Die OEM lassen Startups bisher nur ungern in ihr Kerngeschäft vordringen. Erste Ansätze, bisher aber noch in Kooperation mit Autohäusern, konnten sich im Markt bereits etablieren, darunter MeinAuto.de, Carwow und Vehiculum.

Gebrauchtwagenmarkt
Für den Gebrauchtwagenmarkt sind die Opportunitäten noch deutlich größer, da er sehr intransparent ist und erhebliche Informationsasymmetrien zwischen dem Verkäufer und dem Käufer eines Autos bestehen. Startups wie Auto1 in Europa und Carvana in den USA zeigen, dass dieses Feld für neue Geschäftsmodelle enorm spannend sein wird. Die Digitalisierung der Zustandsermittlung von Gebrauchtwagen steckt allerdings noch immer in den Kinderschuhen.

Car-Sharing und Mobility-Services
Mobility-as-a-Service (MaaS) wird in Kombination mit autonomen E-Autos als Sargnagel der Autoindustrie bezeichnet. Sobald der Großteil des Individualverkehrs mit einer Flotte von Fahrzeugen stattfindet, die jedem User gegen eine Gebühr zur Verfügung steht, braucht es zukünftig deutlich weniger Fahrzeuge im Markt. Somit werden die Kosten pro zurückgelegten Kilometer drastisch fallen. Die OEM und Zulieferer arbeiten bereits an dem Wandel ihrer Geschäftsmodelle zum Mobilitätsdienstleister und gründen Unternehmen wie DriveNow, Car2Go und Coup oder investieren in Uber, Gett, Lyft, Turo oder Via. Allen Abgesängen zum Trotz wird es auch zukünftig Fahrzeuge im Privatbesitz geben. Denn MaaS ist vornehmlich in urbanen Räumen praktikabel und wird in naher Zukunft zwar einen wesentlichen Anteil des Individualverkehrs ausmachen, den privaten Besitz eines Fahrzeugs aber nicht gänzlich ersetzen. Für neue Startups scheinen Sharing-Geschäftsmodelle mittlerweile nicht mehr attraktiv zu sein. Hohe Investitionen in eine eigene Fahrzeugflotte werden teilweise auch von den OEM zurückgefahren, wie etwa bei Multicity oder CarUnity. Andere verkleinern das Geschäftsgebiet und optimieren das Preismodell, um die eigene Flotte effizienter zu betreiben, wie etwa Car2Go in Stuttgart.

Daten-Hoheit und Konnektivität
Moderne Fahrzeuge sind mit einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet und erzeugen große Datenmengen, bis zu 25 Gigabyte pro Stunde. Das automatische Notrufsystem eCall ist in Europa ab dem 31. März vorgeschrieben. Deshalb müssen Neuwagen künftig standardmäßig mit Galileo- oder GPS-Modul und einer SIM-Karte ausgestattet sein. Die Einsatzmöglichkeiten über den Notruf hinaus sind durch die Verwendung und Monetarisierung der Fahrzeug- und Bewegungsdaten in der Cloud enorm – datenschutzrechtlich aber sehr sensibel und nicht unkritisch.

Darüber hinaus haben OEM und Zulieferer an dem zukünftigen Geschäft mit Zusatzdienstleistungen ein sehr hohes Eigeninteresse und werden Drittanbietern wie Google und Apple den Zugriff nur sehr restriktiv erlauben. Die OEM möchten zukünftig ähnlich eines App-Stores profitieren und Drittanbietern die Verwendung der Daten nach gewissen Regeln und gegen Gebühr ermöglichen, besonders lukrative Dienste hingegen exklusiv anbieten.

Startups, die die OBD2-, USB- oder Bluetooth-Schnittstelle im Auto nutzen, sind bereits auf dem Markt vertreten. Für besonders komplexe Funktionalitäten oder zur Modernisierung älterer oder schlechter ausgestatteter Fahrzeuge entwickeln Startups eigene Hardware, die sich in das Fahrzeug integrieren lassen. Zu nennen sind hier zum Beispiel: Pace, Vimcar, nauto, dash, automatic und Chris. Startups, die reine App-Anbieter sind, können je nach OEM zukünftig über Apple Carplay, Android Auto und Amazon Alexa ihre Funktionen auf dem Screen im Auto anzeigen und über Sprachwahl oder Gesten steuern lassen. Inwiefern die OEM Startups auch standardisierte Schnittstellen zu den Daten des Fahrzeugs gewähren, damit diese in der Cloud über mehrere Fahrzeuge hinweg und markenübergreifend Funktionen mit Schwarmintelligenz anbieten können, bleibt abzuwarten.

Autonomes Fahren
Autonom fahrende Fahrzeuge sind zu Recht eines der am stärksten gehypten Innovationen im Automotive-Bereich. Die Fahrzeit könnte nunmehr für die Freizeitgestaltung oder das Arbeiten genutzt werden. Der volkswirtschaftliche Gewinn und die Möglichkeiten, spezifische Apps für verschiedene Anwendungsfälle in und um das Auto anzubieten, sind enorm. Schon heute können Fahrzeuge der Oberklasse bis zur Stufe 3 autonom fahren und ermöglichen teilautonome Aktionen, wie Abbremsen, Beschleunigen, Einparken und Lenken. Die vollautonome Stufe 5 bedingt neben enormer Rechenleistung auch Radar- und Kamera-Technologie und vor allem Künstliche Intelligenz (KI). Eine Erfassung von Fahrbegebenheiten, deren Antizipation auf unterschiedliche Szenarien und Entscheidungen ist hinsichtlich des Handlungseingriffs in die jeweilige Verkehrs- und Fahrsituation essenziell. OEM und Zulieferer sind jeweils zu klein, um sich der Komplexität vollumfänglich alleine zu stellen. So arbeiten Technologieunternehmen wie Mobileye, Nvidia, Waymo und Aurora mit den Herstellern und Zulieferern wie Bosch, Continental oder Aptiv zusammen, um gemeinschaftlich Stufe 5 zu erreichen und Standards im Markt zu etablieren. Spielraum für Startups ergibt sich als Technologiezulieferer in Nischenbereichen, wie der KI-Engine, Augmented Reality, Simulationssoftware oder der Radartechnologie.

Blockchain-Technologie
Beim Handel und der Administration von Fahrzeugen und Mobilitätsdienstleistungen entstehen Unmengen von Daten, Verträgen und Transaktionen, die zukünftig über die Blockchain verlustfrei und effizienter als bisher abgewickelt werden müssen. Anwendungen könnten beispielsweise die Themen Tracking von Ersatzteilen, Besitzerwechsel, Vertragswesen, Datenaustausch, Bezahlfunktionen und Versicherungen behandeln. Die Relevanz im Automotive Bereich zeigt sich eindrucksvoll durch das Investment von Bosch und weitere Konzerne in IOTA. Daneben sind Startups wie BigchainDB zu nennen, welche mit der Entwicklung eines eigenen Blockchain Systems unzählige Anwendungen ermöglichen.

Neuartige Vehikel
Der Elektroantrieb eignet sich besonders für Kurzstrecken und kleine leichte Vehikel. E-Bikes und E-Scooter werden zukünftig weiter an Popularität gewinnen. Bolt mobility, Unu und Gogoro stellen Elektroscooter her und etablieren sich zusehends in Europa. Leichte Flugtaxis werden aktuell stark gehypt und ziehen enorme Summen Venture Capital an.

Autofinanzierung und Versicherungen
Durch Mobility-as-a-Service und die Einführung von Car-Sharing, Chauffeur-Diensten auf Bestellung und autonom fahrenden Fahrzeugen verändert sich die finanzielle Wertschöpfung der bisherigen Autofinanzierung und -versicherung dramatisch. Der Anteil der Fahrzeuge, die geleast werden, steigt immer weiter und die Autoversicherungsprämien werden unter Druck geraten. Hier ist Raum für neue Player im Markt, die mit Versicherungsunternehmen gemeinsame Strategie entwickeln. Friday, die Tochter der Schweizer Versicherungsgruppe Baloise, bietet eine jederzeit kündbare Autoversicherung mit kilometergenauer Abrechnung an. Das US-Startup Trov kooperiert unter anderem mit der Münchener Rück und Axa, um ereignisbezogen vorerst elektronische Geräte zu versichern, der Weg zur Versicherung von MaaS ist davon nicht weit entfernt. Die Aufzählung ist keineswegs erschöpfend, zeigt aber das weite Spektrum, das die Digitalisierung der Mobilität und des Automotive Bereichs birgt.